Ich zögerte kurz, doch meine Neugier siegte. Mit zwei schnellen Schritten überbrückte ich den kleinen Abstand zu dem schmalen Stück Fenster, das nicht von einem schwarzen Tuch bedeckt wurde, und sah in die kleine Eingangshalle. Es fühlte sich an, als würde mein Herz stehenbleiben, um eine Sekunde darauf nur noch schneller zu schlagen. Ich konnte zwei Bilder sehen, sie stammten ohne Zweifel von Benjamin Durand. Er hatte diesen unverkennbaren Stil, der nicht in Worte zu fassen war. Zumindest nicht für mich. Seine Kunstwerke waren wundervoll.

„Neugierig?“ Die Stimme, die ich direkt hinter mir hörte, ließ mich erschrocken zusammenfahren. Ich drehte mich hektisch um. Auch meine letzten Zweifel erloschen, als sich unsere Blicke trafen. Er sprach mit mir. „Die Vernissage findet erst in einer Woche statt, falls es so ist.“

Ich nickte hastig. „Ich weiß. Danke.“ Oh, das war so peinlich.

Ein zweiter Mann, der sich noch im Inneren des Gebäudes befand, zog das schwarze Tuch zurecht, das mir nun die Sicht versperrte. Als ich erneut zu der Person vor mir sah, hatten sich seine Lippen zu einem schmalen Lächeln verzogen. Ich kam nicht umhin, es zu erwidern.

„Werde ich sie dort antreffen?“

„Nächste Woche muss ich arbeiten, aber ich werde mir die Ausstellung mit Sicherheit ansehen.“ Daran bestand kein Zweifel. Meine Wohnung war geschmückt mit Kunstdrucken. Ich träumte seit Jahren davon, deren Originale zu sehen. „Seine Bilder sind großartig.“

„Finden sie?“ Sein Lächeln wurde noch deutlicher. „Vielleicht können wir die Vernissage um eine Woche vorziehen.“

Ich sah ihn irritiert an. „Sie meinen...?“

Sein Blick wich einen Moment lang zu der großen Eingangstür, bevor er sich wieder an mich wendete. „Folgen sie mir.“

Ich zögerte und fragte mich, ob es sein Ernst war. Doch als er einen Schlüssel aus seinem grauen Mantel zog um das Schloss zu öffnen, folgte ich ihm. Diese Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen.

Er betrat die dunkle Eingangshalle und schaltete das Licht an. Vor mir erstreckte sich eine Wand mit zwei Bildern, die ich vor wenigen Minuten noch durch die Glasfront gesehen hatte. Es war tatsächlich sein Ernst. Ich folgte ihm in den beleuchteten Hauptsaal, in dem gerade gearbeitet wurde. Im ersten Moment wusste ich nicht, wohin ich zuerst sehen sollte. Doch meine Aufmerksamkeit erregte schnell ein Bild, das gerade an der Wand befestigt wurde. Es war anders, als die anderen Gemälde. Man erkannte nicht sofort, was es darstellen sollte. Aber der Künstler war der Selbe. Unverkennbar.

„Gefällt es ihnen? Es ist... anders.“

Wieder hatte ich nicht bemerkt, dass er hinter mich getreten war. Ich nickte leicht. „Es ist großartig. Ich glaube, es gefällt mir sogar besser als die anderen Bilder.“

„Ich teile ihre Meinung.“ 

Ich sah zu ihm. Da war es wieder, dieses charmante

Lächeln, das seine Lippen zierte, bevor er weitersprach.

„Wissen sie es zu deuten?“

Ich trat näher an das große Gemälde mit der ungewöhnlichen Tiefe. Die beiden Männer, die es gerade aufgehängt hatten, widmeten sich bereits einem der anderen Kunstwerke. „Es strahlt Wärme aus. Zweisamkeit.“ Mein Blick glitt über die Farben, die sich ineinander vermischten. „Es ist schwer zu beschreiben. Es weckt Gefühle, keine Worte. Ein Augenblick zweier Menschen. Es fühlt sich an wie ein Moment, in dem sich dein Leben wendet.“

„Zum Positiven?“

„Möglicherweise.“ Ich war keine Kunstkennerin. Bei weitem nicht. Ich konnte nicht viel mit Gemälden anfangen, vor allem nichts mit moderner Kunst. Nur dieser Künstler schaffte es, mein Interesse zu wecken. Allmählich begann ich mich für den Menschen zu interessieren, der hinter diesen Werken steckte. Bisher wusste ich nicht viel von ihm. Er war ein Mann, ich kannte seinen Namen und glaubte gehört zu haben, dass er ursprünglich aus Frankreich stammte. Das war es auch schon.

Der Unbekannte lehnte sich neben dem Gemälde an die Wand und musterte mich mit einem undefinierbaren Blick. „Das war exakt mein Gedanke.“ sagte er schließlich leise und schmunzelnd, bevor er auf ein kleines Schild neben dem Kunstwerk tippte. „Und die des Künstlers scheinbar auch.“

Mein Blick fiel auf den Titel des Bildes. ‚Ein Kuss, der dein Leben verändert‘

Ich war beeindruckt. Von mir selbst. Und er offensichtlich auch.

 

Wir trafen uns in dieser Woche zwei Mal. Beim ersten Mal verabredeten wir uns unverfänglich in einem kleinen Café und stellten erstaunliche Gemeinsamkeiten fest. Wir fuhren sogar denselben Wagen und bevorzugten es, abends joggen zu gehen. An diesem Nachmittag war ich so sorglos und hatte Spaß wie schon lange nicht mehr.

Ach ja, und ich verliebte mich in ihn.

 

Unsere zweite Verabredung war ernster. Zumindest fühlte es sich so an. An diesem Abend war ich aufgeregt wie ein Mädchen vor ihrem Abschlussball, bis ich ihm gegenüberstand, meine Hand in seine legte und diese Sicherheit spürte, die nur er in mir wecken konnte. Meine Aufregung wich der Vorfreude auf den Abend und erwies sich als vollkommen unbegründet. Es war großartig. Er war großartig.

Nach einem gelungenen Abendessen führte er mich durch meine Heimatstadt, die ich plötzlich mit vollkommen neuen Augen sah. An einer steinernen Sitzbank mit Blick auf meinen Lieblingsbrunnen machten wir Halt.

„Ist dir kalt?“

Ich fröstelte tatsächlich ein wenig. Bevor ich ihm antworten konnte, legte er sein Jackett um meine Schultern. Lächelnd zog ich es enger um mich und spürte seine Arme, die sich zögernd um mich legten.

„Danke, Ben.“, antwortete ich verspätet und gab mich meinem inneren Verlangen hin, mich leicht an ihn zu lehnen. Nach einem Moment des gemeinsamen Schweigens, das nicht unangenehm war, durchbrach seine sanfte Stimme die Stille.

„Du musst am Mittwoch wirklich arbeiten?“
Ich sah zu ihm, erwiderte seinen Blick und nickte leicht.

„Den ganzen Tag?“, fragte er erneut.
Wieder nickte ich. „Ich weiß nicht genau, wie lange es

dauert. Ich habe ein paar wichtige Termine, die sich schwer verschieben lassen.“

„Schwer heißt nicht, dass es nicht möglich ist, sie zu verschieben.“

Unweigerlich lächelte ich und schüttelte leicht den Kopf. „Es tut mir leid. Ich würde es ja versuchen, wenn die kommende Woche nicht noch aus anderen Tagen bestehen würde.“

Nun war er es, der lächelte. Aber er schien sich nicht so leicht geschlagen zu geben. „Aber am Mittwoch findet die Vernissage deines Lieblingskünstlers statt.“

„Heißt das nicht, dass du auch arbeiten musst?“ Ich hatte ihn nie gefragt, was er genau tat. Nach unserem ersten Treffen, das mir noch immer unangenehm war, war ich nicht darauf aus gewesen, dieses Thema noch einmal anzuschneiden.

„Doch, das heißt es.“, murmelte er nach einem kurzen Moment.

„Und warum fragst du mich dann, ob ich Zeit habe?“

„Weil es meine Vernissage ist.“
Ich benötigte einen Moment, um die Bedeutung seiner

Worte zu begreifen. Und dennoch schienen sie keinerlei Sinn zu ergeben. „Wie... war doch gleich dein Name?“ murmelte ich leise, seinem Blick ausweichend. Dennoch erkannte ich, dass sich seine Lippen zu einem Lächeln kräuselten.

„Ben.“ Das Lächeln auf seinen Lippen wurde deutlicher. „Benjamin Durand.“

Mein Herz setzte aus, bevor es umso schneller weiterschlug. Seine Finger verschränkten sich mit meinen. Mein Blick glitt auf unsere Hände. Seine Hände. Das war nicht möglich. Seine Hände, die diese Kunstwerke erschaffen hatten, die mir so viel bedeuteten.

 

Den folgenden Mittwoch verbrachte ich anders als geplant. Schwer verschiebbare Termine hießen eben nicht, dass sie nicht zu verschieben waren. Lächelnd beobachtete ich Benjamin, inmitten von den geladenen Gästen seiner Vernissage.

„...das besondere Augenmerk der Ausstellung liegt allerdings auf meiner neuesten Arbeit.“ Ich kannte das Bild bereits, das vor einem Augenblick noch von einem schwarzen Stoff bedeckt worden war. Den Saal erfüllte ein Raunen. „Der Titel lautet ‚Ein Kuss, der dein Leben verändert‘.“ Er ließ seinen Blick durch den großen Raum schweifen, dann blieb er an mir hängen. „Über die Interpretation des Bildes lässt sich vielleicht streiten. Aber mein Leben hat dieser Kuss verändert.“

Ich erwiderte sein Lächeln ohne es selbst zu realisieren, während mein schnellschlagendes Herz ihm still zustimmte. Denn in dem Moment wurde mir eines bewusst: Dieser Kuss hatte auch mein Leben verändert.